Katalog „Reise nach Amerika“
Katalog „Reise nach Amerika“

Eva Nordal und der heitere Realismus

 

Eine kunsthistorische Annäherung

 

Sehen wir bei Eva Nordal Skulpturen im klassischen Sinn – das ist hier die Frage – nicht die Frage eines Kunstliebhabers, der zunächst einmal vielleicht bezaubert vor den anmutigen, lebhaften, manchmal komischen, manchmal klassischen Halbfiguren verharrt. Nein es ist die Frage des Kunstexperten, der Historiker und der eigentlichen Fachleute – nämlich der Bildhauer selbst.

Auch wenn sie die Mädchen schön finden oder hübsch oder verblüffend lebensnah – fast immer tritt dann der sogenannte Kunstbegriff auf, nämlich die Frage, ob das überhaupt Kunst sei – oder genauer – ob man dies als Skulptur bezeichnen kann. Der Kunstbegriff nämlich formt sich aus einem vermeintlichen Verständnis dessen, was vertraut ist, also aus Werken der Vergangenheit. Skulptur, das ist Rodin, Maillol oder – wenn man schon sehr modern ist – sogar abstrakte Stahlplastik. Doch auch diese hatten zu ihrer Zeit mit einem wiederum älteren Kunstbegriff zu kämpfen: Rodin warf man vor, Abgüsse nach der Natur herzustellen, weil die Oberflächen der männlichen Akte ungewöhnlich naturalistisch wirkten. Er hatte das klassizistische Ideal der klaren Flächen und Linien verletzt.

 

Gerade dieses Ideal ist es, was bis heute die plastische Darstellung des Menschen noch immer betrifft. Abstraktes, Collagen und Installationen, Minimal und Konzeptkunst werden eher akzeptiert, als eine gegen traditionelle Regeln verstoßende Wiedergabe des Menschen. Man hat sich an Materialien aller Art in der Kunst gewöhnt, vom Filz bis zur Butter, Fahrscheine, Holzstücke, Blech, Textilien, Farbe und Maschendraht erstaunen kaum noch, sind sie doch in der Objektkunst seit Beginn des 20. Jahrhunderts zuhause. Diese aber hat einen ganz und gar anderen Stellenwert als das Abbild des Menschen, das seit der Wiederentdeckung der klassischen Antike in der Renaissance, vor allem aber in der Zeit der Aufklärung und durch die Schriften Winckelmanns durch hohe ethische Ansprüche bestimmt wurde. Angesichts des Verlustes der Religion war der Mensch auf sich zurückgeworfen und seine Abbilder hatten neue Inhalte zum Ausdruck zu bringen – gemäß Winckelmanns „Edler Einfalt und stiller Größe“.

Wenn Eva Nordals Arbeiten etwas nicht ausdrücken, dann dies. Ihre Mädchen (ganz überwiegend stellt sie sehr junge Frauen und Mädchen dar) sind albern, heiter, eitel und verspielt, bunt gekleidet und geschmückt, oft in lebhafter Gestik, Wendung und Ausdruck – sie sind Menschen von heute, girlies oft, die Titel, die ihnen oft witzige Bemerkungen unterstellen, sind ganz durch die Vorstellung alltäglicher, gegenwärtiger Ereignisse geprägt. „beeile dich, Lilly“, „mit Otto spreche ich nicht mehr“ oder „in diesem Jahr fahre ich rechtzeitig nach Venedig“ sind eigentlich ein skulpturaler Skandal, wenn man bedenkt, daß moderne Statuen Wächter, Brunnen oder Seated Woman heißen, oft ohne Titel bleiben, oft das Werk nur beschreiben, oft auch symbolisches an­deuten.

 

Natürlich gibt es auch humorvolle Benennungen, kaum aber gewissermaßen gesprochene Titel, die zugleich so sprechend sind, daß sie auf – fast immer momentane – Situationen verweisen, auf etwas also, was die Darstellung nur andeutet. Sie benennen Szenen oder Ereignisse, die über die Bilder selbst hinausweisen – nicht aber im Sinne einer ethischen Höhung, sondern in sehr einfallsreich humorvoller Alltäglichkeit, oft sogar Banalität.

 

Auch dieses letztere Moment ist unangebracht für eine Skulptur. Selbst wenn der Ahne und Erfinder von über das eigentliche Werk hinausweisenden Titeln Marcel Duchamp ist, so hat auch dieser sich mindestens noch im Bereich des fast Unverständlichen und Rätselhaften bewegt – man denke an „with a hidden noise“, ein Bindfadenknäuel, eingesperrt in einem Bronzetischen, dessen Titel und dazu eine Inschrift die Exegeten Duchamps schon zur Erstellung kleiner Bibliotheken veranlasste. Rätselhaftigkeit kann den Kunstcharakter auch eines Bindfadens erhöhen – die Frage aber einer Tiefdekolletierten mit Augenschleier „darf man hier rauchen?“ ist in jeder Hinsicht nicht nur vollkommen neu in der Kunst, sondern für eine Skulptur schlicht unangebracht. Nur das ist es – skulpturalen Abbildern des Menschen ist nicht das Gleiche erlaubt, wie einem Objektkunstwerk. Doch gerade damit bringt Eva Nordal hier ein dadaistisches Moment ein das eine ungewohnte Heiterkeit in den Kunstkontext trägt.

 

Überhaupt ist ihre Kunst heiter, manchmal spöttisch oder auch ironisch, oft fast übermütig – dies gilt vor allem für ihre in Plexiglas eingeschlossenen Gebilde, wie etwa „Tiefseedieter“. Dieses Moment ist ebenso befreiend (angesichts der üblichen Tiefgründigkeit der Kunst) wie es zur Zeit von Dada war, auch wenn dort, besonders in Berlin, dem Wohnsitz Eva Nordals, oft politisch bestimmter Zynismus der eigentliche Inhalt war. Eine späte Dadaistin ist die Künstlerin sicher, schon weil ihr nichts heilig ist, aber sie ist weder politisch interessiert, noch stellt sie erkennbar Fragen an die Kunst selbst, wie es vor allem Duchamp tat.

Oder vielleicht doch? Ist es nur naiv, wenn sie ihre witzigen Halbfiguren an die Wand hängt, von wo sie auf uns herabblicken, ohne doch Staatsmänner oder Feldherren zu sein; ist es ganz ohne Hintergedanken, wenn sie ihnen (fast) echte Haare, wirkliche Kleidung und Attribute wie Handschellen, Fächer, künstliche Blumen, Spiegel, Masken oder gar ein Tablett mit Geschirr – auf dem Kopf getragen – beigibt? Und diese Kleidung! Nicht etwa Alltagskutten wie bei ihrem direkten Vorgänger Duane Hanson, der damit die Banalität seiner Menschen, ihr Gewöhnlich-Sein ausdrückte, nein, fast alle sind prächtig gekleidet in edle Stoffe und eleganter Couture, sie tragen Schmuck, sie sind nicht nur lebensecht bemalt, sondern geschminkt und die Kopfbedeckungen sind ebenso phantasievoll und witzig, wie prunkvoll. Den stärksten Anteil an dem so bezaubernden Ausdruck von Heiterkeit aber haben die Gesichter – sie leben!

 

Sie leben nicht in dem Sinne wie die Skulpturen der Hypernaturalisten John De Andrea und Duane Hanson, die 1968 mit Naturabgüssen (Polyester) nach dem lebenden Modell so detailgetreue Abbilder des Menschen schufen, daß sie sich den Vorwurf zuzogen, besser ins Wachsfigurenkabinett als in die Kunst zu passen. Auch sie übrigens verstießen damals gegen skulpturale Gesetze, riefen Proteste hervor und es dauerte lange, bis sie dem Kunstkontext zugerechnet wurden. Heute erkennt oder glaubt man, daß damals – mit hochnaturalistischen Mitteln – erstmals ein Realismus der Skulptur begann; Realismus hatte sich bis dahin nur in der Malerei abgespielt und war zuerst im 19.Jahrhundert entstanden, als Gustave Courbet begann einfache Alltagsmenschen auch niedriger Schichten darzustellen, die vorher als nicht bildwürdig galten.

Verbunden war damit ein Aspekt des Widerspruchs und des Sozialkritischen, so wie er auch im Realismus des Nachkriegsberlin gegeben war (Grosz, Dix), vertreten durch die alten Dadaisten. Das Gleiche gilt für Hanson´s Kunst: Seine Protagonisten sind nicht nur lebensecht, es sind auch ausnahmslos die Looser des American Way of Life.

 

Weder sind Eva Nordals Figuren Looser, noch sind sie porengenau lebensecht. Sie sind sichtbar frei geformt und modelliert und scheinen ganz überwiegend nicht nach Modellen gestaltet, sondern der Phantasie der Künstlerin entsprungen. Ihre Lebhaftigkeit verdanken sie ihrem Lachen, der Momentaneität des Ausdrucks, der Andeutung des Szenischen, ihrer Farbenpracht und dem Reiz der Textilien, der lebendigen Gestik und manchmal auch – hier liegt die Heiterkeit eher beim Betrachter – einer gewissen Dämlichkeit des Gesichtsausdrucks (Willy Berlin!). Es ist ein heiterer Alltag, erfasst an alltäglichen kleinen Menschen – aber in besonderen Situationen, Stimmungen.

 

Eigentlich ist dies daher kein Realismus, trotz der gegen alle Tabus verstoßenden Realia aus denen die Figuren gestaltet werden. Realismus sollte soziales Engagement zeigen und die Schattenseiten der Gesellschaft sichtbar machen, er sollte – wie Courbets Steineklopfer oder Hansons Museumswächter und Touristen-Hässlichkeit als Konsequenz eines entleerten Lebens zum Ausdruck bringen, das Gedemütigt-sein von Menschen ohne Möglichkeit der Selbstbestimmung. Kurz, sein eigentliches Thema ist die Kritik und Eva Nordal ist nicht kritisch.

Wirklich nicht? Es wurde bereits angedeutet, daß diese präzisen, ausgeklügelten und einfallsreichen Gestaltungen auch eine gewisse Hintergründigkeit besitzen, die aber ganz und gar auf Humor basiert. Auch Degas war nicht naiv, als er 1881 buchstäblich aus heiterem Himmel zur Zeit einer noch ganz in den Konventionen verharrenden Skulptur seine „14-jährige Tänzerin“ im Salon präsentierte und zwar aus Wachs, fast lebensgroß, mit „echter“ Perücke, Seidenmieder, Tüllröckchen, Strümpfen und Ballettschuhen; eine Satinschleife im Haar und die farbig gefasste Haut waren die Krönung eines damals ganz ungeheuerlichen Werkes. Hier hatte es keine Objektkunst, keine irgendwie gearteten Entgrenzungen des Kunstbegriffs zuvor gegeben und es dauerte 100 Jahre, bis ein zweiter Bildhauer – eben Duane Hanson – ihm nachfolgte. Degas beging im Geheimen – die Tänzerin stellte er nie wieder aus – weitere Verstöße gegen Kunstgesetze, aber das war gar nicht das wirkliche An­liegen seiner neuen Art von Skulptur aus Wachs. Sein Interesse galt der Erfassung von Momenten, dies zeigen seine Pferde- und Tanzstudien. Das Statische, Ewige, besonders der Bronze- und Marmorstandbilder, bekämpfte er nicht (wie später Rodin), es interessierte ihn einfach nicht: so hat es nur sehr selten wieder eine so lebendige Skulptur gegeben wie die „kleine Tänzerin“ – nicht ihrer Realia wegen, diese hätten sie auch zur Puppe machen können, sondern durch die Darstellung ihrer Magerkeit, fast Abgezehrtheit und zugleich hintertriebenen Impertinenz. Die bildnerische Formung selbst ist es, die diese Wahrhaftigkeit, diese Realität der Tänzerin hervorbringt, die realen Attribute bedeuten nur eine Steigerung.

 

Naiv sind solche unbefangenen Verstöße gegen Regeln und damit die Schaffung ganz neuer künstlerischer Möglichkeiten nur in dem Sinne, daß gar nicht über einen Kunstbegriff nachgedacht wird, sondern die Mittel eingesetzt werden, die dem eigenen Kunstwollen entsprechen. Diesen Begriff setzte um 1900 der große Alois Riege ein, um die bis dahin verächtlich betrachtete spätrömische Kunst dem ästhetischen Dogma – wiederum des Klassizismus – zu entziehen und – vollkommen neu zu dieser Zeit – Regeln aufzukündigen und nach dem Wollen des Künstlers zu fragen. Das aber kann dieser eigentlich nur selbst beantworten, der Betrachter kann nur eine Annäherung versuchen: Mit Sicherheit lässt sich sagen, daß Eva Nordal keine traditionelle Bildhauerin sein will. Ihre künstlerische Herkunft – Floristin, Hutmacherin, Porzellanrestauratorin – verrät vielmehr Interesse an Dekoration, Schmücken, feinem und kleinteiligem Arbeiten. Dazu sind Stein oder selbst Ton viel zu grob. So erfand sie eine eigene Masse (deren Zusammensetzung sie nicht verrät), um ihre ganz individuellen, sehr lebhaft modellierten Köpfe mit feinsten Details und Übergängen herstellen zu können. Die farbigen Fassungen steigern die Lebendigkeit, die Accessoires die Wirklichkeitsnähe. Eva ist einfach ihrem Temperament gefolgt, das ein sehr fröhliches und positives ist und so sind ihre Figuren Zeugen einer heiteren Lebensschau, sie lachen da, wo es eigentlich nur noch üblich ist zu klagen, schlechte Nachrichten und Prognosen zu empfangen und insgesamt von der wirtschaftlichen in die mentale Depression zu gleiten. Was soll ein Realist an der Gesellschaft noch kritisieren? Sie kritisieren sich schon selbst und mit unermüdlich negativer Schau auf alles. Daher mußte Eva Nordal und mit ihr mehrere junge Realisten, um weiterhin Widerspruch zu bieten, eben lachen. Sie hat einen heiteren Realismus entworfen.

 

Prof. Dr. Karina Türr, Kunsthistorikerin

Termine

30.10.15 - 23.01.16
„Herbstsalon“ - Galerie ICON
Gruppenausstellung, Berlin

18.03.16 - 11.06.16
„Frühjahrssalon“ - Galerie ICON
Gruppenausstellung, Berlin
 
24.04.16 - 23.06.16
Galerie KunstNesse
mit Sven Wiebers, Leer

21.10.16 - 23.01.17
„Herbstsalon“ - Galerie ICON
Gruppenausstellung, Berlin